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04.11.2010

Vortrag und Diskussion

„50 Jahre Lebenshilfe – Wohin geht die Reise?“ Am 4. November veranstaltete die Lebenshilfe Witten im Rahmen ihrer Jubiläumsfeierlichkeiten einen Vortrags- und Diskussionsabend im Pflanzraum der Gärtnerei.
Als Referenten waren Frau Doris Langenkamp, Vorsitzende der Lebenshilfe Münster und Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung der Lebenshilfe, und Herr Thomas Stotko, Mitglied des Landtages (SPD), eingeladen.

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Beide Referenten sollten ein kurzes Impulsreferat halten, an das sich eine Diskussion anschließen sollte; da Herr Stotko sich aber wegen eines Termins in Düsseldorf unverschuldet verspätete, referierte zunächst Frau Langenkamp allein. Sie umriss in ihrem Vortrag kurz die Grundzüge der Arbeit am neuen Grundsatzprogramm der Lebenshilfe und formulierte als Ziele die Wahrung der Menschenrechte, die gesellschaftliche Teilhabe, die Gestaltung des Zusammenlebens, die Aspekte der Menschenwürde und des Lebensrechts und sprach natürlich auch das zentrale Thema der Inklusion und der selbstbestimmten Teilhabe an, die die UN-Konvention festlegt. Dabei erklärte sie deutlich, dass es stets um ein Recht auf Inklusion gehen müsse, niemals aber um die Pflicht zur Inklusion. Gerade die Schwerstbehinderten dürften im Zuge der geforderten Integration keinesfalls auf der Strecke bleiben.

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Die anschließende Diskussion zeigte die tiefe Verunsicherung vieler Angehöriger in Hinsicht auf diese Inklusion, teilweise wurde scharfe Kritik geäußert. Das Stichwort Wunsch- und Wahlrecht wurde kritisch beleuchtet – viele der schwerer behinderten Menschen sind nicht in der Lage, eigene Bedürfnisse einzuschätzen und zu formulieren, so dass viele Eltern dieses vermeintliche Recht für eine Farce halten. Herr Professor Dr. Boheim, Vorstandsvorsitzender der Lebenshilfe Witten, fasste dies in deutliche Worte: „Man kann nur zwischen einem Apfel, einer Birne und einer Banane wählen, wenn man alle drei Früchte überhaupt kennt und schon einmal gegessen hat!“ So sei es für Schwerstbehinderte auch unmöglich, sich selbst für eine bestimmte Wohnform zu entscheiden.
Von mehreren Seiten wurde auch die Angst geäußert, durch die Stärkung alternativer ambulanter Wohnformen werde es zu „Restwohnheimen“ kommen, in denen allein noch die schwersten Fälle untergebracht würden. Doch auch Gegenstimmen wurden laut - der Vater eines leichter behinderten Sohnes unterstützte die Grundsätze der Inklusion: „Wenn man nur an die Schwächsten denkt, bleiben die Stärkeren auf der Strecke. Sollen alle im Wohnheim bleiben, nur damit kein ‚Rest‘ bleibt? Inklusion ist Fortschritt.“
Frau Langenkamp reagierte beschwichtigend auf die spürbare Erregung im Publikum, versicherte, dass man keinesfalls die Interessen der Schwerstbehinderten vergessen werde. Die Inklusion sei zwar das Ziel, aber eben auch ein Ideal, das sicherlich nicht zu erreichen sei, das man aber dennoch nach Kräften anstreben müsse. Darüber hinaus seien alternative Wohnformen oft der einzig beschreitbare Weg, da die Träger wegen der herrschenden Finanznot keine neuen Wohnheime bauen würden.

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Neben der allgemeinen Kritik an den Plänen zur Inklusion wurde darüber hinaus auch generelle Unzufriedenheit mit der Arbeit der Bundesvereinigung der Lebenshilfe in Marburg laut. Mangelnder Kontakt zur Basis wurde moniert, viele Eltern fühlten sich nicht mehr von der Bundesvereinigung in ihren Interessen vertreten. Herr Professor Dr. Boheim stellte die Frage, warum das Grundsatzprogramm das Thema der Beschäftigung der Schwerstbehinderten, das nur in NRW zufriedenstellend geregelt sei, nicht anspreche. Frau Langenkamp, selbst Mutter eines behinderten 17-jährigen Sohnes, zeigte viel Verständnis für die kritischen Äußerungen und versprach, all dies als Anregung in die Arbeit am Grundsatzprogramm einfließen zu lassen.
Als Thomas Stotko schließlich mit großer Verspätung noch eintraf, fasste er seinen Beitrag sehr kurz und konzentrierte sich auf das Thema der Integration behinderter Menschen in Regelschulen. Er stellte den ressortübergreifenden Aktionsplan „Eine Gesellschaft für alle – NRW inklusiv“ des Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales vor, der sich umfassend mit diesem Thema beschäftigt und der bis März 2011 fertig gestellt werden soll.

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Auch Herr Stotko betonte, dass die Inklusion keinesfalls erzwungen werden dürfe, dass die Bedürfnisse der Betroffenen stets im Mittelpunkt stehen müssten. Der Sorge um die eventuelle Schließung der Förderschulen trat er vehement entgegen und beteuerte, dass Regel- und Förderschulen auf Dauer parallel bestehen bleiben sollen und dass jeder behinderte Mensch bzw. dessen Betreuer die Schulform weiterhin frei wählen könne.
Neben der Frage, ob die Integration behinderter Schüler an Regelschulen überhaupt sinnvoll sei, gab es auch Zweifel an der personellen und allgemeinen Ausstattung der Schulen. Herr Stotko erklärte, dass bestehende Ressourcen aufgrund des zu erwartenden demographischen Wandels umgeschichtet werden könnten und dass selbstverständlich jeder Regelschule die entsprechende Anzahl an Sonderpädagogen zugeteilt werden müsse. Er gab als Antwort auf die spürbare Skepsis des Publikums zu bedenken, dass jeder behinderte Schüler, der eine Regelschule besuche, die Akzeptanz Behinderter in der Gesellschaft und darüber hinaus auch die soziale Kompetenz der nicht behinderten Schüler stärken werde.

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Am Ende dieses interessanten Abends voller Kontroversen richtete Herr Dr. Dieter König, Geschäftsführer der Lebenshilfe Witten und Gastgeber, in seinem Schlusswort den Blick in die Zukunft: „Wenn wir uns in zehn Jahren zum nächsten Jubiläum der Lebenshilfe treffen, werden wir sehen, was aus den Zielen der Inklusion geworden ist.“