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29.09.2011

"Frag' doch einfach!"

Am 29. September fand im Pflanzraum der Lebenshilfe die diesjährige Mitgliederkonferenz des Päritätischen im Ennepe-Ruhr-Kreis statt.
Die Veranstaltung stand vor dem Hintergrund der UN-Behindertenrechtskonvention unter dem Motto „Verschieden sein – dazu gehören“. Fachreferent Christian Huppert hielt ein informatives Impuls-Referat, in dem er kurz die Grundzüge der Konvention vorstellte und durch Herausheben einiger markanter Aspekte bereits Anregungen zur anschließenden Diskussion gab.

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Die geladenen Gäste, rund dreißig Personen, hatten nun im folgenden die Gelegenheit, an drei großen Tischen, unterstützt durch Moderatoren, in einen angeregten Dialog zu treten – ein Angebot, das gern angenommen wurde. Die unterschiedlichsten Themen in Hinsicht auf Behinderung und Inklusion wurden dabei von den Teilnehmern aufgegriffen.

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In der ersten Tischrunde, in der vor allem Angehörige und Mitarbeiter der Lebenshilfe vertreten waren, kristallisierte sich besonders bei den anwesenden Müttern behinderter Menschen schnell heraus, dass die von der Politik geforderte Inklusion viele Ängste schürt („Meine Tochter braucht die Geborgenheit des Wohnheims – betreutes Wohnen würde für sie nicht ausreichen!“) und als Grundgedanke zwar erstrebenswert ist, in der Ausführung aber viele Fragen offen lässt und Probleme verursacht. Manon Füllgraf, Leiterin der KiTa Helenenberg, machte deutlich, dass die Inklusion

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keinesfalls „verordnet“ und gegen den Willen der behinderten Menschen durchgesetzt werden dürfe und dass Budgetkürzungen und Anforderungen nicht deckungsgleich seien: „Man kann nicht einen Esel bezahlen und ein Rennpferd erwarten!“ Basierend auf ihren Erfahrungen in Norwegen, wo sie sich zum Thema Inklusion umfassend kundig gemacht hat, warnte sie zudem davor, Sondereinrichtungen leichtfertig zugunsten integrativer Einrichtungen zu schließen.

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Am Nebentisch lag der Schwerpunkt der Diskussion auf der Integration behinderter Menschen in die Arbeitswelt. Man war sich einig, dass Behinderte oft als „störend“ empfunden werden, weil befürchtet wird, dass sie Arbeitsabläufe verzögern könnten: „Viele Firmen kaufen sich lieber frei, als sich auf eine Herausforderung einzulassen.“ Herr Dr. Dieter König, Geschäftsführer der Lebenshilfe, stellte fest, dass immer noch viel zu wenig auf spezielle Fähigkeiten der Betroffenen Rücksicht genommen werde: „Die zahlreichen freien Ingenieursstellen wären zum Beispiel bestens geeignet für Rollstuhlfahrer. Statt behinderte Menschen in minderwertige Jobs zu drängen, sollte man einen positiven Ansatz verfolgen und schauen, welche besonderen Fähigkeiten die Menschen mitbringen.“ Auch waren sich die Beteiligten einig, dass Akzeptanz nicht erst im Berufsleben anfangen dürfe, sondern konsequent von Anfang an, am besten bereits in der Krabbelgruppe, im Vordergrund stehen müsse.

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Die Kommunikation zwischen Menschen mit und ohne Behinderung stand im Mittelpunkt des Gespräches am dritten Tisch. Oft stehen unnötige Hemmungen und Unsicherheiten einer entspannten Kommunikation im Wege. Frau Besner, Mutter eines körperlich und geistig behinderten Sohnes, erzählte von unterschiedlichen Erfahrungen in der Begegnung mit anderen Müttern. Auf die neugierige Frage ihres Kindes, warum ihr Sohn anders sei, antwortete die erste Mutter peinlich berührt: „So etwas fragt man nicht!“, während eine andere Mutter auf die gleiche Frage ihre Kindes ganz selbstverständlich entgegnete: „Geh hin und frag einfach mal.“ Deutschland hinkt nach Ansicht der meisten Diskussionsteilnehmer in vieler Hinsicht anderen Ländern deutlich hinterher: „Wir werden hier erst in zwei oder drei Generationen einen so selbstverständlichen Umgang mit behinderten Menschen haben, wie es ihn in Holland oder Frankreich schon heute gibt.“
Ein besonders hässliches Problem ist der nicht selten auftretende Sozialneid in Bezug auf notwendige Sonderleistungen für Behinderte – „Du bekommst immer alles!“ Schlimm war das Erlebnis, das Frau Lutz, stellvertretende Vorsitzende der Lebenshilfe, zu erzählen hatte: „Ich habe einem Bekannten voller Freude erzählt, dass meine Tochter in diesem Jahr mit der Ferienfreizeit nach Mallorca fährt. Seine Reaktion war erschreckend – er wurde wütend und rief: ‚Was? Und dafür spende ich?‘“
Einig waren sich alle Teilnehmer der anregenden Diskussionsrunden, dass Offenheit und Kommunikation die besten und erfolgreichsten Methoden seien, um die Akzeptanz und so letztendlich auch die Inklusion behinderter Menschen zu ermöglichen. Frau Vaorin brachte es auf den Punkt, als sie abschließend feststellte: „Wir selbst werden die Inklusion sicher nicht mehr erleben, aber wir arbeiten für die nächste Generation.“

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