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17.06.2009

Hilfen für Menschen mit geistiger Behinderung für Jung und Alt Lebenshilfe will fördern statt verwahren

Weniger um Bilanzen als vielmehr um die Belegschaft geht es in der Werkstatt für behinderte Menschen an der Dortmunder Straße. An die 300 Menschen arbeiten hier – ein Angebot für geistig behinderte und psychisch kranke Menschen, die die Lebenshilfe Witten e.V. gemeinsam mit dem Sozialverband Deutschland (SoVD) geschaffen hat. Der Sackträger besucht einen besonderen Betrieb und seine engagierten Betreiber.

Auf den Tischen im Gewächshaus blüht es leuchtend rot, die feucht-warme Luft dämpft die Geräusche in der Gärtnerei. Katharina Lenke gießt Balkonpflanzen. „Ich habe gern mit Pflanzen zu tun und das Kreative macht mir Spaß.“ Denn neben der Pflanzenzucht erstellt sie Blumengestecke in der Floristik. Die Arbeit ist Teil der Reha-Maßnahme, die die junge Frau seit einem halben Jahr in der Werkstatt absolviert. „Ich hoffe, dass ich das noch länger machen kann.“

Bild(Quelle: Der Sackträger, Autor:Peter Sander)

Gleich neben der Gärtnerei erstellen Katharina Lenkes Kolleginnen und Kollegen in der Schreinerei Bilderrahmen und Zubehör für Pflegebetten. In der großen Werkhalle werden an langen Tischen Aufhängungen für Heizkörper und an anderer Stelle Augenpflaster für Kinder verpackt. Zwei rosafarbene und zwei rote steckt Cemile Altunok in eine Tüte, zusammen mit einem kleinen Marienkäfer aus Holz. „Ich arbeite gerne – und zwar alles“, sagt sie und eine ihrer Kolleginnen findet: „Hauptsache, man hat doch Arbeit.“

Rund 200 geistig behinderte und 100 psychisch kranke Menschen arbeiten in der Werkstatt für behinderte Menschen – und das je nach ihren Möglichkeiten sehr unterschiedlich. Einige bedienen eine computergestützte Drehbank in der Metallwerkstatt, andere sortieren und verpacken Produkte fremder Hersteller. Sozialarbeiter/innen und Heilpädagog/innen unterstützen sie dabei. „Wir sorgen für wechselnde Tätigkeiten mit unterschiedlichen Anforderungen“, erklärt Dr. Dieter König, Geschäftsführer der SoVD-Lebenshilfe. Um Gewinne und Profite im finanziellen Sinn gehe es dabei nicht, sondern um „Teilhabe am Arbeitsleben“, so König. „Wir versuchen unsere Mitarbeiter fit zu machen für den normalen, ersten Arbeitsmarkt, doch die meisten bleiben bis zur Verrentung hier.“ Die Bundesagentur für Arbeit und der Landschaftsverband Westfalen-Lippe – ein Verbund der Kreise und Städte – finanzieren den Betrieb.

Viele neue Einrichtungen für Behinderte

Bild(Cemile Altunok (l.) mit ihren Kolleg/innen bei der Arbeit in der Werkstatt. Heute werden Augenpflaster für Kinder verpackt.Quelle: Der Sackträger, Autor: Peter Sander)

Die Werkstatt ist nur ein Teil des Angebotes, mit dem die Wittener Lebenshilfe geistig behinderten Menschen jeden Alters ihren Platz in der Gesellschaft schaffen möchte. Gerade in den vergangenen 20 Jahren sind viele neue Einrichtungen entstanden, wie der Neubau des heilpädagogischen Kindergartens auf dem Helenenberg, oder die integrative Tagesstätte in Heven, die Kinder mit und ohne Behinderung betreut. Auch die Wohnheime an der Dortmunder Straße und an der Pferdebachstraße gehören dazu, die rund 70 Menschen mit geistiger Behinderung Raum für ein möglichst aktives und zufriedenes Leben bieten.

Der Vorsitzende der Lebenshilfe Witten heißt Günther Boheim. Als er 1978 mit seiner Familie nach Witten kam, waren die Möglichkeiten für seine damals zehnjährige behinderte Tochter überschaubar. Der Kindergarten auf dem Helenenberg lag in einer Jägerhütte, statt der großen Werkstatt gab es nur eine kleine „Werkstufe“ in Bommern. Alles konzentrierte sich in entfernten Versorgungszentren, eine „wohnortnahe Versorgung gab es nicht“, sagt Boheim. Seine Tochter besuchte die Oberlinschule in Wetter – und ihr Vater engagierte sich. Der Universitätsprofessor wird Kassenwart der Lebenshilfe – „als Naturwissenschaftler hielt man mich für geeignet“ – und später, 1987, übernimmt er den Vorsitz.

Bild(l.Herr Dr. König,Geschäftsführer der SoVD Lebenshilfe gGmbH; r.Herr Dr. Boheim, Vorsitzender des Vorstandes; Quelle: Der Sackträger, Autor: Peter Sander)

Der 69-jährige Boheim mag den Hinweis nicht, aber der Ausbau der Hilfen für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung hat nicht zuletzt mit seinem Einsatz zu tun. Er selbst hebt andere Ursachen hervor: In den 1990er-Jahren sei der Mangel an Hilfen für Behinderte vielerorts offensichtlich geworden, so Boheim, und „die Politik war aufgeschlossener, mehr für sie zu tun“. Doch das allein hätte in Witten nichts bewirkt, meint Geschäftsführer Dieter König. „Die finanziellen Mittel, die richtigen Gebäude und das passende Personal zu finden – das war Pionierarbeit und viel Management“, lobt er Boheim.

Frühförderung und Freizeitangebote kamen hinzu

„Uns war und ist wichtig, dass es hier umfassende Hilfen für geistig behinderte Menschen gibt“, sagt Günther Boheim. Dazu gehört nicht zuletzt die Frühförderung, die 1995 ihren Betrieb aufnahm. Die Einrichtung im Wannen ist erste Anlaufstelle für Eltern, die sich wegen der Entwicklung ihres Kindes Sorgen machen. Hier werden Familien von Heilpädagogen, Ärzten und Therapeuten beraten, um den Kindern selbst bei einer Auffälligkeit bestmöglichste Chancen zu eröffnen. Schon 1979 rief der Verein den „Freizeit-Club-Lebenshilfe“ ins Leben, der heute vielfältige Sport- und Kreativangebote für Menschen mit Behinderung anbietet. Diese Angebote entlasten letztlich auch die Angehörigen. „Auf die Unterstützung der betroffenen Familien wollen wir uns künftig noch mehr konzentrieren, auch bei Fragen der Pflege oder des Umgangs mit den Ämtern“, sagt Günther Boheim.

In den letzten Jahrzehnten habe sich für Menschen mit Behinderung Grundlegendes geändert, vielleicht noch nicht genug in der Gesellschaft, aber viel in den Therapien und Konzepten. „Heute wird gefördert statt verwahrt“, sagt Lebenshilfe-Vorsitzender Boheim, „meine Tochter könnte heute sehr komplexe Leistungen zur individuellen Förderung in Anspruch nehmen.“ Daran hat Boheim Jahrzehnte mitgewirkt und wird es wohl auch weiter tun. Doch er relativiert seinen Beitrag. Den Ausschlag hierfür habe ja seine Tochter gegeben, sagt er und: „Jeden kann so eine Behinderung in der Familie treffen.“

Ob sich aber jeder in dieser Art engagieren würde? Günther Boheim wurde am 16. Juni das Bundesverdienstkreuz verliehen.


(Quelle: Der Sackträger, Autor: Peter Sander)